02.05.2011

Regel 5: Intellekt und Liebe

Intellect and love are made of two different materials. Intellect ties people in knots and risks nothing, but love dissolves all tangles and risks everything. Intellect is always cautious and advises, “Beware too much ecstasy,” whereas Love says, “Oh never mind. Take the plunge!” Intellect does not easily break down, whereas love can effortlessly reduce itself to rubble. But treasures are hidden amongst ruins. A broken heart hides treasure.

Intellekt und Liebe sind aus unterschiedlichen Materialien gefertigt. Der Intellekt knüpft die Menschen in Knoten und riskiert nichts, aber Liebe löst jedes Wirrwarr und riskiert alles. Der Intellekt ist immer vorsichtig und gibt den Rat: „Hüte dich vor zu viel Ekstase“, während die Liebe sagt: „Schon gut. Schmeiß dich rein!“ Der Intellekt bricht nicht leicht zusammen, während die Liebe ohne weiteres auf einen Haufen Schrott schrumpfen kann. Aber die Schätze sind inmitten der Ruinen verborgen. Ein gebrochenes Herz versteckt einen Schatz.

Zunächst können wir den Unterschied von Intellekt und Liebe als den Gegensatz von Herz und Hirn verstehen, und das ist ein weites Thema.  Manchmal wird er auch als Gegensatz von Gefühl und Verstand bezeichnet. Die Gehirnforscher würden zunächst sagen, dass beides, Intellekt und Liebe, von ziemlich ähnlichen Nervenzellen produziert werden, die nur unterschiedlich verschaltet sind und andere Neurotransmitter nutzen.

Aber in unserem Erleben gibt es einen deutlichen Unterschied, ob wir über etwas nachdenken oder uns für die Liebe öffnen. Offenbar geht es nicht nur um unterschiedliche Systeme der Informationsverarbeitung oder Reizintegration, sondern um unterschiedliche Bewusstseinsebenen, also unterschiedliche Organisationsformen unseres gesamten Wahrnehmens und Erfahrens.

Der reaktive Verstand ist ein wichtiges Instrument auf allen Bewusstseinsstufen, die mit Angst verbunden sind. Er dient dazu, Erfahrungen zu sammeln und zu kategorisieren, die mit Bedrohung zu tun haben, um sie im Bedarfsfall als Warnungen anbieten zu können: „Hüte dich, das hat dich schon einmal in Bedrängnis gebracht.“ Der Intellekt hat also auch die Funktion des überfürsorglichen Beschützers einer ängstlichen Seele. Der Preis dieser Behütung ist die „Verknotung“, die Leinen des Lebens werden unterbrochen und eingeknüpft. Damit haben wir immer etwas, woran wir uns festhalten können, falls wir an der Leine des Lebens abrutschen. So können wir uns leicht wieder fangen, wenn etwas zu riskant war. Wir gewinnen gleich die Kontrolle wieder, wenn einmal etwas in uns losgelassen hat.

So kann es uns manchmal in der Meditation oder einer tiefen Atemerfahrung gehen. Wir schweben in etwas viel Größerem als was wir sind, erleben eine Weite und Freiheit, die uns fasziniert und beglückt, und dann meldet sich der Verstand und suggeriert uns, dass das gefährlich ist, und schon ist die Weite weg und die Freiheit weicht der bekannten Enge.

Das ist auch die Beständigkeit des Denkens. Es ist ein treuer Wächter über unsere Normalität und Verlässlichkeit. So bleiben wir berechenbar und gut funktionierende Glieder einer materialistisch ausgerichteten Leistungsgesellschaft.  Wir opfern dafür unsere Lebendigkeit, die Kraft des Herzens.

Denn diese Lebendigkeit ist kein bequemes Ruhekissen. Sie möchte den sicheren Grund verlassen und ins Unbekannte springen, so wie die Mutigen, die den Schritt in einen kalten Fluss wagen und, gegen den Rat ihres Verstandes, ihrem Herzen folgen, das ihnen sagt, dass es noch mehr gibt, noch mehr Eintauchen in das Fremde, Bedrohliche und letztlich Wundersame.

Die Kraft des Herzens kann auch scheinbar zerbrechen. Sie ist schwächer als die Kraft des Intellekts, der sich immer wieder Auswege und Ablenkungen ausdenken kann. Dagegen ist das Herz machtlos und bricht zusammen oder auseinander, wenn die Umgebung trocken und lieblos wird. Doch dieser Zusammenbruch ist nur ein scheinbarer, denn er zeigt nur eine Oberfläche. Im Innersten ist die Flamme des Herzens immer lebendig und leuchtet für jeden, der bereit ist, tiefer zu schauen und zu spüren.

Es bricht uns also nicht eigentlich das Herz, wenn wir etwas besonders Schlimmes erleben müssen. Es bricht unser Vertrauen in unser Herz, und wir schneiden uns davon ab, indem wir z.B. jammern, zornig werden oder depressiv. Wir verschließen uns und überantworten uns unserem Denken, das uns aus der Not hilft. Erst wenn wir die Verknotungen geduldig lösen, die wir in unseren Rettungsversuchen knüpfen, tasten wir uns zurück zum Herzen, das unter den Trümmern der Katastrophe wie ein verborgener Schatz funkelt und leuchtet und darauf wartet, wiedergefunden zu werden.

Auch wenn mystische Lehrer immer wieder darauf verweisen, dass der Intellekt auf der Suche nach der Liebe in die Irre führen kann, dürfen wir in einer gesamtheitlichen Sicht auch berücksichtigen, dass er eine ganz wichtige Rolle bei der Lebensbewältigung und bei der Weiterentwicklung der Weltgesellschaft leistet. Wir brauchen ihn z.B., um eine intelligente Verteilung der Ressourcen auf diesem Planeten bewerkstelligen zu können. Wir brauchen ihn, um das Internet für die Verbreitung von wichtigen Botschaften nutzen zu können usw.


Die Richtung der Befreiung inkludiert also den klugen und weisen Gebrauch unseres Denkens, nicht umsonst haben wir es als Werkzeug von der Evolution mit so reichen Möglichkeiten bekommen.


Die Regeln sind dem Roman von Elif Shafak  “The Forty Rules of Love” (2010) entnommen. Diese "Regeln" sind aus dem Schreiben des Romans entstanden und durch die mystischen Lehren des Sufismus inspiriert. www.elifshafak.com
In deutscher Übersetzung ist das Buch 2013 im Kein&Aber-Verlag erschienen.


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